Sara Galler

Einen Plan nach meiner Matura hatte ich eigentlich nicht. Aber eines wollte ich auf jeden Fall: eine Zeit lang die Welt bereisen und ehrenamtlich arbeiten. Im Idealfall wollte ich das eine mit dem anderen verknüpfen. Und dann ging alles plötzlich ganz schnell.

Anfangs Januar 2020 startete ich mein Abenteuer nach Ecuador, um in der Stadt Cuenca zwei Monate lang die Stiftung «Fundacion Avanzar» in ihrem Hilfswerk zu unterstützen. Der gemeinnützige Verein hat zum Ziel, sozial benachteiligten Frauen sowohl produktspezifische Handarbeiten als auch unternehmerisches Wissen zu vermitteln, um ihnen zu einem finanziellen Auskommen zu verhelfen. Also Hilfe zur Selbsthilfe! Wie so etwas geht, wollte ich vor Ort erfahren.

Zeitgleich zu meiner Ankunft in Cuenca startete unter der Leitung von Herrn Martin Bieri ein vierwöchiger Coaching-Workshop, zu dem sich 23 Frauen angemeldet hatten. An Martins Seite sollte ich dieses Coaching begleiten und durchaus mitgestalten. Immerhin leisteten meine guten Spanischkenntnisse einen Mehrwert. Der Kursinhalt zielte darauf ab, den Frauen ein grundlegendes Wissen über wirkungsvolle Unternehmensführung zu übermitteln. Es mussten leicht und schnell umzusetzende betriebswirtschaftliche Werkzeuge sein, die wir ihnen vermitteln sollten.

Jeden Samstagvormittag versammelten wir uns mit den Teilnehmerinnen im Hauptgebäude der «Fundacion», um gemeinsam die theoretischen Inhalte durchzuarbeiten. Die Unterrichtsform variierte stets: mal war sie in Form von Frontalunterricht, z.B. wenn Martin einen Vortrag über wichtige Vertriebs- und Verkaufstechniken hielt, mal in Form von Gruppendiskussionen oder Einzelarbeiten. Wöchentlich passten wir den Unterricht an die Themen an, die von den Teilnehmerinnen bevorzugt wurden oder worin die meisten Fragen gestellt wurden.

Ein Teil meiner Workshop-Arbeit bestand auch darin, zusammen mit Martin die Frauen persönlich an ihrem Arbeitsplatz zu besuchen, um ein besseres Verständnis für ihre unternehmerischen Probleme zu bekommen. Das waren für mich ganz besondere Erfahrungen. Denn meistens fuhren wir zu ihnen nach Hause. Viele dieser Frauen öffneten uns nicht nur ihre Türen, sondern oft auch ihre Herzen. Sie erzählten uns von unglaublichen Herausforderungen, von grossen Schicksalsschlägen, mit denen sie tagtäglich zu kämpfen hatten. In einem machohaften Land wie Ecuador müssen Frauen viele Hürden nehmen und grosses Selbstvertrauen und Mut aufbringen, um irgendwann einen unternehmerischen Erfolg verbuchen zu können.

Nach jedem Besuch und den persönlichen Einzelgesprächen machten Martin und ich uns ausgiebige Notizen, um daraus später Verbesserungsvorschläge zu entwickeln, die wir in einem persönlichen Bericht zusammenfassten. Jede Teilnehmerin sollte am Ende des Workshops ein Schriftstück ausgehändigt bekommen, in dem unsere Anregungen und Ideen mit konkreten Vorschlägen erläutert wurden: kleine Veränderungen sollten ihr Unternehmen profitreicher machen.

Zu erfahren, wie sich manche Frauen im Verlauf des Workshops veränderten, war grossartig und machte mich auch irgendwie stolz. Ich behaupte sogar, dass jede der Teilnehmerinnen persönlich gestärkt, mit mehr Mut und Vertrauen aus dem Kurs hervorgekommen ist. Jede Frau auf ihre eigene Art und Weise. Hinzu kam, dass sich die Frauen untereinander anfreundeten, sich gegenseitig unterstützten und ich das Gefühl hatte, zu einer grossen „Familie“ zusammengewachsen zu sein. Ihre aufrichtige Dankbarkeit, die sie Martin und mir für unsere geleistete Hilfe entgegenbrachten, berührte mich zutiefst.

Meinen persönlichen Dank gilt es an dieser Stelle sowohl Martin als auch Margarita auszusprechen. Für Martins Engagement würde ich niemals die richtigen Worte finden, denn sie kämen zu kurz. An seiner Seite durfte ich so viel lernen, so viel erleben und in verrückten Momenten viel lachen. Und Margarita werde ich ewig dankbar sein, dass sie mir spontan, kurzfristig und in vollem Vertrauen diese Chance geboten hat, bei «Avanzar» mitzuwirken.  

Nach Vollendung des Workshops, blieb ich noch einen Monat in Cuenca und engagierte mich im Spital Vincente Corral Moscoso. Hier bestand meine Aufgabe darin, kranke Kinder auf eine spielerische Art und Weise zu unterhalten. Durch gemeinsames Spielen, Zeichnen oder Basteln versuchte ich die Kinder abzulenken, manchmal gelang es mir sogar, sie zum Lachen zu bringen.

An Tagen, an denen wenig Kinder in den Spieleraum  („Sala de Juegos“) kamen, besuchte ich sie in ihren Spitalzimmern und brachte ihnen Spielzeuge oder Bücher ans Bett.  Die Leiterin der Ludoteca, Isabela, gab mir ebenfalls kleine Aufgaben und animierte mich, mir neue Bastelideen auszudenken, irgendwie kreativ zu werden.

Meine Freiwilligenarbeit hat mir gezeigt, wie sehr es mich glücklich macht, Menschen mit meinen (einfachen) Mitteln zu helfen. Zwei Monate lang teilte ich ihren Alltag. Ich bekam einen echten Einblick in ihr Leben, in ihre Schicksale, erfuhr von ihren Träumen, Wünschen und Zielen. Wie sehr haben mich diese Geschichten beeindruckt und mir meine privilegierten Lebensbedingungen vor Augen geführt!

Meinen Aufenthalt in Südamerika beendete ich mit einer mehrwöchigen Reise auf die Galapagos-Inseln und entlang der Küste Ecuadors. Heute, zurück in der Schweiz, hänge ich in Tagträumen oft Erinnerungen nach, die mich stolz machen, mich manchmal zu Tränen rühren, mich zum Lachen bringen. Unglaubliches durfte ich erleben, durfte aus meiner Komfortzone steigen, um mich weiter zu entwickeln. Ein Gefühl von grosser, warmer Dankbarkeit steigt in mir auf. Manchmal ist eben kein Plan der beste Lebensplan!

 

Un abrazo muy grande y gracias por todo! 


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